
Unterwegs in Frankfurt und Darmstadt mit dem Blick, der sich einfach nicht abschalten lässt.
Letzte Woche war ich wieder in Darmstadt und Frankfurt unterwegs. Und wie immer hatte ich meine „Klimaanpassungsbrille" auf. Die setzt sich bei mir irgendwann automatisch auf die Nase, wenn ich durch Städte laufe – und dann sehe ich eben nicht mehr nur schicke Fassaden oder interessante Architektur, sondern auch all die Chancen, die gerade vertan werden.
Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Aber auch lehrreich. Denn wer wissen will, warum Klimaanpassung oft teurer ist als nötig, muss sich nur ein paar ganz konkrete Beispiele anschauen.

Lamellen: Die Scheinlösung, die niemand bedient
Erstes Beispiel: Ein ehemaliges Fabrikgebäude in Frankfurt, gerade frisch zu Büros umgebaut. Schöne Lage, interessantes Industriedesign – und vor den Fenstern? Lamellen. Nur Lamellen.
Ich weiß, was jetzt passiert. Im Sommer heizt sich das Gebäude auf. Die Lamellen helfen zwar – aber nur dann, wenn sie rechtzeitig heruntergelassen werden. Von jemandem. Der auch tatsächlich im Büro ist. Am Wochenende? Niemand da. Und wenn am Montagmorgen die Mitarbeitenden ankommen, steht die Hitze schon im Raum. Der nächste Gedanke ist dann verlässlich: „Wir brauchen eine Klimaanlage."
Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen. Und sie hätte kaum Zusätzliches gekostet.
Schatten, der einfach immer da ist
Es gibt Verschattung, die funktioniert – unabhängig davon, ob jemand daran denkt, einen Hebel umzulegen. Feststehende Sonnenschutzelemente, richtig dimensioniert und sorgfältig in die Fassade integriert, liefern im Sommer Schatten und lassen im Winter die tiefstehende Sonne trotzdem herein. Das ist keine Magie, das ist Geometrie. Man muss Größe und Anordnung einfach nach dem Sonnenstand berechnen – dann erledigt das Bauteil den Rest.
In Darmstadt habe ich genau das gesehen (Beispiele 2 und 3). Verschattungspanele und feststehende Lamellen, die ins Design integriert wurden, als wären sie immer schon da gewesen. Kein Aufwand im Betrieb, keine Abhängigkeit vom Nutzerverhalten, keine Wartungskosten. Schatten – dauerhaft, unabhängig, kostenlos.
Und Beispiel 3 hat mich ehrlich begeistert: Dort hat man Solarzellen als Verschattungselemente eingesetzt. Die Fassade schützt also nicht nur gegen Hitze, sie produziert gleichzeitig Strom. Das nenne ich einen doppelten Mehrwert.

Wenn das Regenwasser dorthin läuft, wo es nicht sein sollte
Aber Klimaanpassung ist nicht nur Hitzeschutz. In Frankfurt fiel mir noch etwas anderes auf (Beispiel 4): Zwischen zwei Häuserzeilen wurde die Freifläche aufgeschüttet – vermutlich der Aushub vom Bau damals – einfach aufgeschichtet. Das Ergebnis: eine Art Hügel, der bei Starkregen das Wasser genau dorthin lenkt, wo es am wenigsten hingehört – zu den Haus- und Kellereingängen.
Die Reaktion darauf? Barrieren. Pumpen. Schadensbehebung. Also mehr Aufwand, mehr Kosten, mehr Ärger – für etwas, das man von Anfang an anders hätte lösen können.
Wie? Indem man die Freifläche nicht aufschüttet, sondern leicht absenkt. Eine kleine Mulde, die bei Normalwetter kaum auffällt und genauso nutzbar ist, wird im Extremfall zur Retentionsfläche. Das Wasser hat Platz, kann versickern oder kurzzeitig zurückgehalten werden – und läuft eben nicht mehr in den Keller.
Nur wenige Meter weiter, Beispiel 5, hat das offenbar jemand verstanden. Die Freifläche dort ist genau so gestaltet. Gleiche Straße, gleiche Stadt, vollkommen unterschiedliche Ansätze.

Was mich daran bewegt
Das Frustierende ist nicht, dass es schlechte Lösungen gibt. Das Frustierende ist, dass die guten Lösungen oft gar nicht teurer sind – sie müssen nur früh genug mitgedacht werden. Im Entwurf. In der Planung. Bevor der Bagger anrollt und die Entscheidungen gefallen sind.
Klimaanpassung ist kein Luxus, den man sich nachträglich noch irgendwie dranschraubt. Sie ist eine Chance – und die ist kostenlos, solange man sie früh genug ergreift.
Ich werde die Brille jedenfalls nicht absetzen.
Nicht in Frankfurt, nicht in Darmstadt, nicht irgendwo sonst.
Aber vielleicht freue ich mich beim nächsten Stadtspaziergang ja
über noch mehr Beispiele, die zeigen:
Es geht auch richtig.
Davon brauchen wir mehr – und ich berichte gerne darüber.
